Ein Gedicht über Verdun

Lange ist er her, der Große Krieg. Im Schatten des Zweiten Weltkrieges hält er einen ewigen Winterschlaf in unseren Köpfen. Kaum vorstellbar, dass sich die Menschen nach 1918 keinen schlimmeren Krieg vorstellen konnten. Während der Zweite Weltkrieg medial fast schon romatisch transportiert wird, bleiben vom Großen Krieg nur grausame Stichworte übrig: Materialschlacht – Grabenkrieg – MG-Nest – Gasangriff – Tank – Massensterben – Verdun.

Erich Kästner: Auf den Schlachtfeldern von Verdun

Auf den Schlachtfeldern von Verdun
finden die Toten keine Ruhe.
Täglich dringen dort aus der Erde
Helme und Schädel, Schenkel und Schuhe.

Über die Schlachtfelder von Verdun
laufen mit Schaufeln bewaffnete Christen,
kehren Rippen und Köpfe zusammen
und verfrachten die Helden in Kisten.

Oben am Denkmal von Douaumont
liegen zwölftausend Tote im Berge.
Und in den Kisten warten achttausend Männer
vergeblich auf passende Särge.

Und die Bauern packt das Grauen.
Gegen die Toten ist nichts zu erreichen.
Auf den gestern gesäuberten Feldern
liegen morgen zehn neue Leichen.

Diese Gegend ist kein Garten,
und erst recht kein Garten Eden.
Auf den Schlachtfeldern von Verdun
stehn die Toten auf und reden.

Zwischen Ähren und gelben Blumen,
zwischen Unterholz und Farnen
greifen Hände aus dem Boden,
um die Lebenden zu warnen.

Auf den Schlachtfeldern von Verdun
wachsen Leichen als Vermächtnis.
Täglich sagt der Chor der Toten:
„Habt ein besseres Gedächtnis!“

12 Millionen Tote. Think about it! So lange ist es noch nicht her.

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